Mathias Uster hat geschrieben: ↑Di 31. Mär 2026, 12:05
@Tinu:
Ich würde auch auf unsere evolutionspsychologische Anpassungsfähigkeit tippen: wie schnell gewöhnen wir uns, wie schnell vergessen wir - in beide Richtungen.
Ja, wir werden heute verwöhnt und die meisten merken es nicht mal - wofür man sie aber nicht verurteilen darf, denn sie kennen es nicht anders. Wenn mir jemand in den 80er Jahren gesagt hätte, Anfang April 2014 werde ich im Kurztenue eine ganztägige Velorunde durch üppig blühende Landschaft und vollständig ergrünte Buchenwälder in der Nordschweiz drehen, ich hätte ihm den Vogel gezeigt. Bei einem prophezeiten Szenario für den heurigen 27. Februar zwar nicht mit ergrünten Wäldern, aber mit grasenden Kühen auf saftigen Wiesen und im T-Shirt hätte ein Vogel alleine nicht mehr gereicht.
Die Erstellung des Wetterlagenkalenders mit eigenen GWL-Klassifikationen bis 1976 zurück (das ist genau das Jahr, an das ich noch die ersten Erinnerungen ans Wetter habe) war deshalb eine sehr spezielle Retrospektive. Beim Studium der Wetterkarten wurde mir so richtig bewusst, was für grausliche Sommer wir damals hatten. Und Winter (nicht in jedem Jahr, aber immer wieder mal und manchmal auch gehäuft wie Mitte 80er), die diesen Namen noch verdienten. Als Sommerkind und heutiger Gfrörli, der auf die tägliche Ertüchtigungsrunde verzichtet, wenn bei weniger als 10 Grad die Bise zieht und keine Sonne scheint, wundere ich mich, wie ich die Zeit damals überleben konnte - Funktionskleidung kannte man damals auch noch nicht und die eingefroreren Zehen und Finger hat man auch beim Eindunkeln am späten Nachmittag immer noch ignoriert und ist einfach weitergeschlittelt, bis zum Abendessen gerufen wurde.
Tinu (Männedorf) hat geschrieben: ↑Di 31. Mär 2026, 12:57
Die Qualität der Polarluftausbrüche ist bei Weitem nicht vergleichbar.
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Der März 2026 brachte das nur am Ende ansatzweise zustande, was die Karte vom 26. März zeigt. Der Kaltluftausfluss war schwächer und reichte vor allem nicht so weit nach Süden (resp. die Luft milderte sich eben stärker ab, je weiter sie nach Süden kam, weil sie schon am Ursprung zahnloser war).
Genau das ist es, was ich in all meinen Monats- und Jahreszeitenanalysen zu verklickern versuche, unter anderem auch mit dem Ausdruck "Flasche leer". Die Arktis war noch vor 30-40 Jahren ein voller Swimmingpool, der fast jeden Winter geborsten ist und weite Teile der nordhemisphärischen gemässigten Breiten für mehrere Wochen fluten konnte. Das heutige Kinderplanschbecken reicht gerade noch, um für ein paar Tage hier und da eine Pfütze zu hinterlassen, aber leider auch dann noch, wenn bereits alles einen Monat früher blüht als es eigentlich sollte...
Und hierin liegt auch meine Leidenschaft für die Grosswetterlagen-Forschung begründet, die wahrscheinlich schwer zu vermitteln ist, wenn ich die Klicks auf die Porträts betrachte: Die Erkenntnis, dass zwar
Nordlagen im Frühling und ganz besonders im März zunehmen, aber es sind eben nicht mehr dieselben Nordlagen wie früher (um nur ein Beispiel aus der Aktualität zu nennen).