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NOW: Gewitter/Unwetter 22.07.2010

Alles zu (Un)wetter und Klima relevant für die Schweiz
säschu (Bösingen)
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Re: NOW: Gewitter/Unwetter 22.07.2010

Beitrag von säschu (Bösingen) » Mi 28. Jul 2010, 10:26

Kaiko (Döttingen) hat geschrieben:@Rontaler

Für mich eher gewöhnliche Gewitterböen.

Ein Downburst sieht so aus: (Video Sekunden 25-35)
http://www.youtube.com/watch?v=Fc2xvW0R ... r_embedded
(Uragano a Sant' Angelo bei Padova am 23.Juli 2010)

Gruss Kaiko
Hy Kaiko.

Ich war etwas irritiert von dieser Aussage und habe Gegoogelt:

Gewittersturm heißt im Neudeutschen auch "Downburst". Die kleine Variante ist dabei der sogenannte "Microburst". Dabei sind die Sturmschäden "nur" bis auf wenige Kilometer Ausdehnung. Die große Variante ist der "Macroburst" - das sind die Sturmwalzen, die auf Hunderte von Kilometern Länge die Landschaft verwüsten.

http://www.ffh.de/home/unwetter-in-deut ... -17399.php

Was Rontaler gefilmt hat, war auch vom Schufelbühlweidli (Marbach) aus hautnah zu erleben, wobei wir nur die schwachen Ausläufer hatten. Von Eggiwil bis an den Rhein gab es diverse Stellen mit umgeknickten Bäumen und Leitungen, und trotzdem sind beide Filme Erscheinungen eines Downburst. Es gibt erwiesenermassen auch bei anderen Phänomenen verschiedene Stärkeklassen, und man spricht trotzdem vom gleichen(Tornado).

Sollte ich da falsch liegen, würde ich mich gerne neues lernen.

Gruss Sacha

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Re: NOW: Gewitter/Unwetter 22.07.2010

Beitrag von Kaiko (Döttingen) » Mi 28. Jul 2010, 13:47

@Sacha

Da hast du schon recht.
Ich würde Downburst mit 'in die horizontale umgelenkte Fallböen' übersetzen.
Demnach kann man auf Rontaler's Video sicher auch von Downbursts sprechen.

Gruss Kaiko

http://de.wikipedia.org/wiki/Downburst
http://de.wikipedia.org/wiki/Fallb%C3%B6
Mitbetreiber des Sturmarchivs Schweiz und Wetterforscher aus Leidenschaft: http://www.sturmarchiv.ch/

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Marco (Hemishofen)
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Re: NOW: Gewitter/Unwetter 22.07.2010

Beitrag von Marco (Hemishofen) » Mi 28. Jul 2010, 16:24

@ Christian und die anderen involvierten Forumianer: super Analysen, Recherchen und Dokumentationen, vielen Dank hierfür!

Ich hab versucht, als MeteoSchweiz Beitrag noch die Radialwinde vom Albis hervorzugrübeln. Leider hat der Entfaltungsalgorithmus
(wie schon beim 23. Juli 2009-Ereignis, eine weitere Parallele) versagt und ist gecrasht. Die Radar-Spezialisten von Locarno-Monti
haben es versucht, nachzurechnen, jedoch ohne Erfolg. Schade, die plots hätten schöne Blicke in die Eingeweide der Zelle erlaubt,
v.a. da sie in optimaler Distanz zum ALB gewesen ist.

Ich setze mich dafür ein, dass mit der nächsten Radargeneration, die schon sehr bald installiert wird, dieser Komponente etwas
mehr Beachtung geschenkt wird (mit der stillen Hoffnung verbunden, dass solche Daten irgendwann einmal auch der Bevölkerung
via web zur Verfügung stehen werden ;) ).
Gruss Marco
-------_/)----

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Willi
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Re: NOW: Gewitter/Unwetter 22.07.2010

Beitrag von Willi » Mi 28. Jul 2010, 16:40

Hallo Marco

Ich hoffe in diesem Zusammenhang sehr auf mind. einen tiefen langsamen (oder mittelschnellen wie mans nimmt) Scan alle 5 Minuten (besser alle 2.5 min). Das erleichtert nicht nur die Doppler-Auswertung (Faltung), sondern verbessert auch die Niederschlagsmessung in Bodennähe. Unsere Nachbarn im Norden sind uns da um einige Jahre voraus. Darfst diesen Wunsch gerne über die Berge weitergeben :-)

Gruss Willi
Gruss Willi
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Rontaler
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Re: NOW: Gewitter/Unwetter 22.07.2010

Beitrag von Rontaler » Mi 28. Jul 2010, 19:06

Hoi zäme,

Anbei noch mein Bericht zur Superzelle von vergangenem Donnerstag. Ich nutzte die Arbeitspause und stellte mich auf die Terrasse des D4 Centers in Root. Der Aufzug des Unwetters war wahnsinnig imposant und zugleich angsteinflössend. Vor allem die ständig vorhandene grünliche Färbung des Böenkragens, sowie die schubweise aus den Wolken herausstürzenden Wassermassen und auch die äusserst turbulenten Frakti direkt unter dem Böenkragen waren umwerfend. Ich hatte einen richtigen Adrenalinschub, da ich wusste, dass dieses Gewitter nicht als gewöhnliches Gewitter über uns hinwegziehen würde. Was auf den folgenden Fotos leider nicht sichtbar ist, ist der verschieden eingefärbte Niederschlagscore hinter dem Böenkragen.

In Richtung Luzern/Kriens (links am Bildrand, für Ortskundige rechts bzw. hinter dem Hombrig/Dietschiberg) gelbbraun, rechts davon und bis an den rechten Bildrand graugrünlich. Für etwa 20 Minuten herrschten surreale, bedrückende und aufregende Stimmungen zugleich, unvergleichlich mit jedem anderen Wetterphänomen. :shock:

Untenstehend die Fotos, geschossen mit meinem iPhone. Die Fotos sind wie immer nicht farbverstärkt, sondern nur etwas abgedunkelt und 1x nachgeschärft:

Bild

Bild

Bild

Bild
Aufnahmeort: D4 Park 6, 6039 Root-Längenbold - Richtung Südwest/West
Aufnahmezeit: 15:49 - 15:52 Uhr MESZ

Auf dem 3D-Radarbild wird deutlich, dass die rechtsziehende Superzelle ein leichtes "Bow-Echo" ausgebildet hatte. Dies korreliert mit dem gut ausgeprägten Böenkragen, sowie den darauffolgenden Sturmböen:

Bild

Ich habe die Stundenanimationen zwischen 13-18 Uhr abgespeichert für die "Nachtwelt":

13-14 Uhr: LOOP
14-15 Uhr: LOOP
15-16 Uhr: LOOP
16-17 Uhr: LOOP
17-18 Uhr: LOOP
Quelle: 3D-Donnerradar / meteoradar GmbH

Die 6-stündige Niederschlagssumme (12-18 Uhr) am vergangenen Donnerstag zeigt die Zugbahn des Right-Movers bilderbuchmässig:

Bild
Quelle: MeteoCentrale

Ich habe das Gebiet zwischen Ebikon und Root rot eingekreist, weil die angeblich viel tieferen Niederschlagsmengen meiner Meinung nach schlicht und ergreifend nicht stimmen können. Es hat in Horw, Kriens und Luzern sicherlich wesentlich stärker geregnet, jedoch gab es auch im Rontal erheblich Niederschlag. Willi, was meinst du?

Betreffend dem Windphänomen muss ich anfügen, dass ein Microburst wohl am wahrscheinlichsten ist; für einen Downburst sind die Schäden a.) zu gering und b.) nur rar. Dass die Winde beim D4 in Root meiner Meinung nach im Rahmen eines Microbursts aufgetreten waren, dafür sprechen auch die Windrichtung während des Sturms. Diese war zunächst streng West, danach immer wie mehr Nordwest bis sogar Nord. Klar ausgedrückt hiess das, je weiter der Core nach Osten wegzog, desto mehr wehte der Wind aus nördlicher Richtung, dies allerdings in unverminderter Stärke und Ruppigkeit. Anbei einige von mir gesichtete Schäden - auffällig ist die Fallrichtung von Nord nach Süd:

Bild

Bild

Da in Root selber Dächer abgedeckt wurden, während in den umliegenden Dörfern keine mir bekannten Schäden entstanden, suchte ich auf der Gelände-Karte von Google nach einer möglichen Erklärung. Ein leichter Düseneffekt (Prinzip Flaschenhals) erscheint mir am plausibelsten, denn das Rontal wird je weiter nach Ost je mehr eingeengt von den Hügeln Dottenberg/Rooterberg im Süden, und dem Hügelzug "Hundsrücken" im Norden:

Bild

Auch der lokale Fluss - die Ron - kam ganz schön hoch direkt nach dem Unwetter (man vergleiche die "verbogene" Uferstellen mit dem Wasserstand von Montagabend):

Bild

Untenstehend nochmals der Link zum Video auf YouTube:

http://www.youtube.com/watch?v=hh0Od3i_mww&fmt=35

Ich habe noch das Video des Unwetteraufzugs auf YouTube hochgeladen. Tipp: Das Video durchladen und schneller laufen lassen bzw. immer ein paar Sekunden überspringen, dann sieht man wie schnell das geht (Videolänge nur 1:59 min :!: ):

http://www.youtube.com/watch?v=Vkh0W3Qn4Gw&fmt=35

Gruss
Zuletzt geändert von Rontaler am Do 29. Jul 2010, 14:19, insgesamt 7-mal geändert.
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Christian Schlieren
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Re: NOW: Gewitter/Unwetter 22.07.2010

Beitrag von Christian Schlieren » Di 17. Aug 2010, 20:10

Hoi zäme

Ich habe noch ein wirklich sehenswertes Video des Hagelsturms in Einsideln gefunden :shock:

http://www.youtube.com/watch?v=xN5xaskrfqU

Den Link brauchts natürlich auch noch :unschuldig:

Gruss
Zuletzt geändert von Christian Schlieren am Di 17. Aug 2010, 21:22, insgesamt 1-mal geändert.
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Severestorms
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Re: NOW: Gewitter/Unwetter 22.07.2010

Beitrag von Severestorms » Do 9. Sep 2010, 11:00

Hi all

Die Superzelle vom 22. Juli 2010 verursachte im Ägerital laut einer Medienmitteilung der Direktion des Innern des Kantons Zug Waldschäden von rund 450'000 Franken. Nach Schätzungen des Kantonsforstamtes beträgt die totale Schadenmenge etwa 8500 Kubikmeter Holz. Dies entspreche ca. zehn Prozent der durchschnittlich genutzten Holzmenge pro Jahr im gesamten Zuger Wald. :shock:

Bild
Bildquelle: http://www.zug.ch/behoerden/direktion-d ... zes-nutzen

Hier die Medienmitteilung:
Das heftige Gewitter vom 22. Juli verursachte im Ägerital grosse Waldschäden.
Die finanziellen Auswirkungen können nun geschätzt werden. Der gesamte Schaden
für die Waldeigentümerinnen und -eigentümer beläuft sich auf etwa 450 000 Franken.
Der Kanton wird einen Beitrag von ungefähr 100 000 Franken leisten. Die ökologischen
Vorteile des Sturmes sollen genutzt werden; unproblematisches Sturmholz bleibt im Wald
und soll als künftiges Totholz Lebensgrundlage für zahlreiche Insekten, Pilze und Pflanzen
sein.


Sturmböen und Hagelschlag
Der Sturm vom 22. Juli 2010 fegte mit Spitzengeschwindigkeiten von 180 bis 200 Kilometern
pro Stunde über das Aegerital. Er hinterliess im Wald ein Bild der Zerstörung und richtete für
Waldeigentümerinnen und -eigentümer beträchtliche Schäden an. Hauptgeschädigte ist die
Korporation Oberägeri. Zum Glück wurden nur Teilgebiete der Gemeinden im Aegerital vom
Sturm heimgesucht. Die Wälder konnten den starken Windböen und dem kräftigen Hagelschlag
nicht trotzen. Zahlreiche Bäume im Wald brachen oder wurden mit den gesamten Wurzeln umgeworfen.
Die Rinde vieler noch stehender Bäume ist vom Hagel stark beschädigt. Nach Schätzungen
des Kantonsforstamtes der Direktion des Innern beträgt die totale Schadenmenge etwa
8'500 Kubikmeter Holz. Dies entspricht ca zehn Prozent der durchschnittlich genutzten Holzmenge
pro Jahr im gesamten Zuger Wald.

Massiver Verlust an Wert
Viele Bäume in den betroffenen Gebieten wurden durch den Sturm gebrochen. Stämme, welche
von Auge betrachtet heil scheinen, sind durch die heftigen Winde innerlich beschädigt.
Seite 2/2
Solche Qualitätseinbussen des Holzes werden oft erst bei der Weiterverarbeitung in Sägereien
sichtbar. Balken und Bretter brechen beim Sägen auseinander und sind somit wertlos. Die Aufräumarbeiten
des Sturmholzes gestalten sich schwierig, aufwändig und auch gefährlich. Durch
den Sturm liegen die Bäume meist in ungeordneter Weise über- und durcheinander. Die Erlöse
des Sturmholzes sind wesentlich geringer als bei unbeschädigtem Holz.

Totholz für Biodiversität
"Zahlreiche Insekten, Pilze und Pflanzen, welche die Lebensgemeinschaft Wald wertvoll bereichern,
können nur auf Totholz gedeihen." erklärt Regierungsrätin Weichelt-Picard. "Diesem
Aspekt wird bei der Behebung der Schäden Rechnung getragen. Die ökologischen Vorteile des
Sturmholzes sollen genutzt werden, auch und gerade unter dem Aspekt der Biodiversität. Viel
Schadholz, das keine Probleme verursacht, bleibt im Wald liegen, um den Anteil an Totholz zu
erhöhen. Dasjenige Schadholz, welches den Erhalt des Waldes gefährdet oder zu Problemen
mit der Sicherheit führen kann, muss geräumt werden. Bei diesen Massnahmen fallen Defizite
an. Diese werden mit kantonalen Geldern gedeckt. Wir gehen heute davon aus, dass der Kanton
etwa 100 000 Franken an die Schadenbewältigung beitragen wird."
Die verbleibende Schadenssumme von ungefähr 350 000 Franken belastet die Waldeigentümerinnen
und Waldeigentümer, welche vom Sturm betroffen sind.

Quelle:
http://www.zug.ch/behoerden/direktion-d ... d/file_pdf


Gruss Chrigi
Zuletzt geändert von Severestorms am Do 9. Sep 2010, 11:10, insgesamt 4-mal geändert.
Founder, Owner and Operator of SSWD - Engaged in Science & Research since 1997.
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